Nebenwirkung: Sturz

Erhöht Polymedikation für ältere Menschen das Risiko, zu stürzen? Eine Studie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried hat sich eingehend mit diesem Thema befasst.

Die Klinische Pharmazie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried überprüft Medikamente auf Interaktionen, Dosierungsintervalle und andere Parameter. Zusammen mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten werden die Präparate auf ihre Notwendigkeit hinterfragt und – wenn möglich – reduziert. Denn Polymedikation ist ein Phänomen mit potenziell fatalen Folgen: Studien legen nahe, dass in Österreich jährlich bis zu 5000 Menschen aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen bei der „Überverschreibung“ verschiedener Medikamente sterben.

Bei der Bearbeitung der Krankengeschichten fiel auf, dass immer wieder Patientinnen und Patienten, die mit vielen Medikamenten behandelt werden, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Krankenhaus oder zu Hause zu Sturz kommen. Das verlängert oft den Spitalsaufenthalt, mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Nicht selten mehr als zehn Medikamente
Kann es bei Patientinnen und Patienten mit schlechter Nierenclearance und Polymedikation zu Überdosierungen von Medikamenten und deren Abbauprodukten und dadurch zu erhöhter Toxizität kommen, die Stürze nach sich zieht? Diese Frage untersuchte die Krankenhausapotheke deshalb in einer retrospektiven Auswertungsstudie. Dabei wurden die Krankengeschichten von 821 Patientinnen und Patienten, die im Jahr 2019 gestürzt sind, anhand von Sturzprotokollen analysiert.

Näher untersucht wurden daraufhin jene 136 Patientinnen und Patienten, die schwer gestürzt sind (Grad 2 und 3). Ihr Durchschnittalter betrug 78,6 Jahre, Frauen und Männer waren ungefähr gleich häufig betroffen. Die Analyse der Dauermedikation laut Arztbrief ergab, dass 62 Betroffene (46 %) mit mehr als zehn Medikamenten behandelt wurden; 28 von ihnen waren niereninsuffizient (GFR < 50 ml/min).

Zu den meistverwendeten Medikamenten zählten Metamizol (72) und Pantoprazol (71), gefolgt von Bisoprolol (52). Metamizol und Bisoprolol gehören neben Amlodipin, Furosemid und Quetiapin aber auch zu jenen Medikamenten, die durch ihre Nebenwirkungen – wie Muskelschwäche, Schwindel, Benommenheit, Blutdruckabfall, Seh-, Hör- und Schlafstörungen – Stürze verursachen können. Gleichzeitig erhöht sich mit der Anzahl der Medikamente auch die Zahl der Interaktionen. Bei Patientinnen und Patienten mit schlechter Nierenclearance besteht der Verdacht, dass durch die Potenzierung der Nebenwirkungen die Sturzgefahr rapide steigt.

 

Kontraindizierte Kombinationen
Als Nebenergebnis der Analyse wurden Medikamente und Kombinationen definiert, die bei älteren Patientinnen und Patienten mit zusätzlicher Niereninsuffizienz (ab Stadium III) wegen erhöhter Sturzgefahr möglichst nicht anagewendet werden sollten. So sollte z. B. Amlodipin in Kombination mit Simvastatin kontraindiziert sein, weil sich dadurch das Risiko für Myopathien mit Muskelschmerzen, Krämpfen und einer Verschlechterung der Nierenfunktion erhöht.

Um das Sturzrisiko zu minimieren, wurden Zielparameter festgelegt:

  • Regelmäßige individuelle Evaluierung der Medikamente (Interaktionsdatenbanken, Priskus-Liste, …)
  • Interaktionscheck bei jeder neuen Verordnung
  • Dosisanpassung mit Berücksichtigung der Nieren-GFR
  • Zeitintervalle zur Bestimmung der Nierenfunktion
  • Definition der Auslöser, Interaktionen/Wechselwirkungen

„Polymedikation hat viele Gesichter und darf nicht nur punktuell betracht werden“, plädiert Studienautorin Mag.a Elisabeth Kuc bei der Verschreibung für eine Zusammenarbeit von Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten sowie Apothekerinnen und Apothekern unter dem Motto „Weniger ist mehr“.